Nicht das Budget ist bei vielen Startups das Problem, sondern das Senioritätslevel der Einstellung – zu früh ein CMO, zu spät eine echte Führungskraft.
Ein Startup, das ich vor einiger Zeit beraten habe, hatte gerade seine Series A abgeschlossen und sofort eine CMO-Stelle ausgeschrieben. Titel: Chief Marketing Officer. Gehaltsband: entsprechend hoch. Erwartung: jemand, der die Marketingstrategie für die nächsten drei Jahre entwickelt. Das Problem: Es gab noch kein Marketingteam, keine verlässliche Datenbasis, kein einziges validiertes Kampagnenformat. Was das Unternehmen tatsächlich brauchte, war jemand, der selbst Hand anlegt – Kampagnen aufsetzt, Learnings sammelt, erste Prozesse baut. Eine Senior-Führungskraft mit Strategiefokus wäre dort nach wenigen Wochen frustriert gewesen, weil es schlicht nichts zu führen gab.
Das ist für mich der Kern des Problems, das ich bei vielen Startups immer wieder sehe: Die Einstellung orientiert sich am Titel, den man glaubt haben zu müssen – nicht an dem, was in der jeweiligen Phase tatsächlich gebraucht wird.
Wenn Marketing in einem Startup nicht funktioniert, wird meistens zuerst über das Budget gesprochen. Zu wenig Geld für Paid, zu wenig Leute im Team, zu wenig Tools. Aus meiner Erfahrung liegt das eigentliche Problem häufig woanders: am Senioritätslevel der Person, die die Verantwortung trägt.
Ein zu seniorer Einkauf für eine zu frühe Phase führt zu Frust auf beiden Seiten. Der Gründer erwartet sichtbare operative Ergebnisse, die Führungskraft denkt in Struktur und Priorisierung. Ein zu juniorer Einkauf für eine zu späte Phase führt zum gegenteiligen Problem: Es wird viel gemacht, aber niemand stellt die Frage, ob es überhaupt die richtigen Dinge sind.
Die Frage ist selten, ob ein Startup sich Marketingführung leisten kann – sondern ob es die richtige Stufe davon einkauft.
In der Seed- oder frühen Series-A-Phase gibt es in den meisten Startups noch keine verlässlichen Daten darüber, welcher Kanal überhaupt funktioniert. Es gibt keine etablierten Prozesse, kein Team, das geführt werden müsste, und häufig auch noch keine klare Positionierung. Eine Führungskraft mit CMO-Titel bringt in dieser Phase vor allem eines mit: die Erwartung, strategisch zu arbeiten. Aber Strategie setzt eine Datenbasis voraus, die es noch gar nicht gibt.
Ein Startup im B2B-SaaS-Bereich stellte nach der Seed-Runde einen erfahrenen CMO ein, der zuvor ein großes Marketingteam in einem Konzern geführt hatte. Die ersten drei Monate gingen damit drauf, ein Team aufzubauen, das es noch gar nicht brauchte – während die eigentliche Frage, ob das Produkt über Content, Paid oder Partnerschaften am besten verkauft wird, unbeantwortet blieb. Nach sechs Monaten trennten sich beide Seiten wieder.
Das heißt nicht, dass erfahrene Führungskräfte in frühen Phasen nichts beitragen können. Es heißt, dass die Rolle in dieser Phase eine andere sein muss: näher am Markt, näher an der Umsetzung, bereit, selbst zu testen statt zu delegieren.
Das umgekehrte Problem sehe ich mindestens genauso häufig. Ein Startup stellt früh einen Performance-Marketer oder Growth-Generalisten ein, der gute Arbeit leistet – und bleibt dann auf dieser Ebene hängen, auch wenn das Unternehmen längst gewachsen ist. Plötzlich managt diese Person fünf Kanäle, zwei Agenturen und ein wachsendes Team, ohne je in einer echten Führungsrolle gewesen zu sein. Es wird viel gearbeitet. Nur fehlt die Einordnung, welche der vielen Aktivitäten eigentlich zum Unternehmensziel beiträgt.
Bei everphone habe ich genau diesen Übergang selbst gestaltet: Die Frage war nicht, ob mehr Kampagnen laufen sollten, sondern welche drei Prioritäten das Marketing in den nächsten zwei Quartalen überhaupt verfolgen sollte – und was dafür konsequent gestrichen wird. Das ist eine Führungsentscheidung, keine operative.
Als VP Marketing bei Zenhomes musste ich in den ersten Wochen vor allem eines tun: bestehende Aktivitäten priorisieren und einige davon bewusst beenden, bevor überhaupt neue Maßnahmen sinnvoll waren. Diese Fähigkeit zur Priorisierung unter Unsicherheit ist für mich der eigentliche Unterschied zwischen operativer und strategischer Marketingverantwortung – nicht die Anzahl der Kanäle, die jemand bedienen kann.
Aus meiner Erfahrung lässt sich die passende Führungsebene grob an drei Phasen festmachen, auch wenn jedes Unternehmen natürlich seine eigene Dynamik hat.
Ein operativer Generalist, der selbst testet, Kanäle validiert und schnell lernt – keine Führungsrolle im klassischen Sinn.
Eine Führungskraft, die erste Strukturen, Priorisierung und ein kleines Team aufbaut – Strategie entsteht aus echten Daten.
Ein CMO oder VP Marketing, der mehrere Teams, Agenturen und Budgets koordiniert und Marketing an Unternehmensziele koppelt.
Die Schwierigkeit ist, dass Gründer diese Übergänge selten rechtzeitig erkennen. Wer in Phase eins steckt, aber schon einen CMO einstellt, zahlt für Strategie, die noch keine Grundlage hat. Wer in Phase drei noch mit der Besetzung aus Phase eins arbeitet, verliert Zeit mit Aktivität statt Fokus.
Bevor ein Startup eine Marketingposition ausschreibt, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme: Gibt es bereits validierte Kanäle? Existiert ein Team, das geführt werden muss? Werden Entscheidungen heute auf Basis von Daten getroffen – oder auf Basis von Bauchgefühl, weil die Datenbasis fehlt? Die Antworten darauf sagen mehr über die benötigte Seniorität aus als jede Wettbewerbsanalyse, wie andere Startups ihre Marketingteams besetzt haben.
Eine Interim-Lösung kann hier übrigens helfen, bevor man sich festlegt – nicht als Lückenfüller, sondern als eine Art Diagnose, welche Ebene das Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten tatsächlich braucht. Das ist günstiger, als zweimal die falsche Entscheidung zu treffen.
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