
Verzicht kostet kurzfristig Reichweite und bringt langfristig Wiedererkennbarkeit – wer nur die erste Hälfte sieht, hört meistens zu früh wieder auf.
Eine Marke, die für jeden passt, passt für niemanden besonders gut. Warum bewusster Verzicht die härteste, aber wirksamste Positionierungsarbeit ist.
Eine Positionierung, die für jeden funktioniert, funktioniert für niemanden besonders gut. In fast jedem Unternehmen, das ich als CMO oder Berater begleitet habe, sehe ich dieselbe Dynamik: Man sagt zu viel zu. Nicht aus Unwissen, sondern aus Angst – Angst vor Umsatzverlust, Angst vor der Zielgruppe, die man gerade nicht bedient, Angst davor, dass der Wettbewerb genau den Kunden bekommt, den man selbst ablehnt.
Das Ergebnis ist fast immer dasselbe: eine Marke, die alles kann, aber für nichts Konkretes steht. Kein Slogan rettet das, kein Rebranding, kein neues Logo. Positionierung entsteht nicht durch das, was ein Unternehmen anbietet, sondern durch das, was es bewusst nicht anbietet.
In meiner Zeit bei everphone hatten wir irgendwann die Möglichkeit, in ein Segment zu expandieren, das auf dem Papier attraktiv aussah – höheres Volumen, schnellerer Umsatz. Passte aber nicht zu dem, wofür die Marke stand. Die Diskussion darüber war intern deutlich hitziger als jede Diskussion über eine neue Kampagne. Wachstum lässt sich mit Zahlen rechtfertigen. Verzicht muss man verteidigen – gegenüber Vertrieb, Investoren, manchmal gegenüber sich selbst.
Bei everphone gab es Phasen, in denen wir Anfragen aus Branchen abgelehnt haben, die zwar zahlungskräftig waren, aber nicht zu unserem Kernversprechen passten. Kurzfristig hat das wehgetan. Mittelfristig hat es die Positionierung im B2B-Gerätemanagement geschärft, statt sie zu verwässern.
Das Problem ist nicht fehlende Strategie. Die meisten Unternehmen, mit denen ich arbeite, haben ein Strategiepapier, in dem Zielgruppe, Werteversprechen und Differenzierung sauber definiert sind. Das Problem zeigt sich erst im Alltag, wenn eine Anfrage reinkommt, die nicht zur definierten Zielgruppe passt – und trotzdem angenommen wird, weil das Budget im Quartal fehlt oder weil niemand den Mut hat, Nein zu sagen.
Verzicht ist kein einzelner großer Moment. Es sind viele kleine Entscheidungen, die sich über Monate summieren: der Kunde, den man nicht annimmt, weil er nicht zum Produkt passt. Das Feature, das man nicht baut, weil es vom Kern ablenkt. Der Vertriebskanal, der zwar Reichweite bringt, aber das falsche Bild transportiert. Das Tempo, das man drosselt, um die Marke nicht schneller wachsen zu lassen, als sie tragfähig ist.
Bestimmte Zielgruppen bewusst nicht bedienen, auch wenn sie zahlen würden
Funktionen nicht bauen, die vom Kernversprechen ablenken
Kanäle meiden, die zwar Reichweite bringen, aber nicht zur Marke passen
Wachstum bewusst verlangsamen, um Positionierung nicht zu verwässern
Diese vier Formen tauchen in fast jedem Unternehmen auf, das ich kenne – nur unterschiedlich gewichtet. Bei einem Scale-up, das ich in der Freelance-Phase begleitet habe, war es vor allem das Kunden-Nein: Der Vertrieb hatte über Jahre gelernt, jede Anfrage anzunehmen, weil Wachstum die einzige Kennzahl war, die zählte. Die Folge: ein Kundenstamm, der so heterogen war, dass sich weder Produktentwicklung noch Marketing sinnvoll auf ihn ausrichten konnten.
Ein Softwareunternehmen, das ich beraten habe, bediente ursprünglich sowohl kleine Selbstständige als auch mittelständische Unternehmen mit eigener IT-Abteilung. Beide Gruppen brauchten unterschiedliche Features, unterschiedliche Preismodelle, unterschiedliche Kommunikation. Erst als das Unternehmen sich entschied, Selbstständige aktiv nicht mehr zu adressieren, wurde die Positionierung im Mittelstand greifbar – Website, Sales-Pitch und Produkt-Roadmap zogen plötzlich in dieselbe Richtung.
Ich will das nicht kleinreden: Wer Nein sagt, verliert kurzfristig Umsatz. Das ist keine Theorie, das ist Erfahrung. In einer Phase bei AUTO1 haben wir bewusst Trafficquellen abgeschaltet, die zwar günstige Leads brachten, aber die falsche Erwartungshaltung bei Kunden erzeugten. Die Zahlen im Dashboard sahen für ein paar Wochen schlechter aus. Die Qualität der Anfragen und damit die Conversion Rate stiegen danach spürbar.
Verzicht kostet kurzfristig Reichweite und bringt langfristig Wiedererkennbarkeit – wer nur die erste Hälfte sieht, hört meistens zu früh wieder auf.
Genau an diesem Punkt brechen die meisten Verzichts-Initiativen ab. Nicht weil die Idee falsch war, sondern weil niemand die drei bis sechs Monate durchhält, in denen die Zahlen schlechter aussehen, bevor die Schärfung wirkt. Das ist für mich der eigentliche Unterschied zwischen Unternehmen, die konsequent positionieren, und solchen, die es nur auf dem Papier tun: die Bereitschaft, eine vorübergehende Verschlechterung auszuhalten.
Es gibt keine Formel, die für jedes Unternehmen passt. Aber ein paar Fragen helfen mir in Mandaten regelmäßig weiter, bevor eine Entscheidung getroffen wird.
Wenn eine dieser Fragen mit Nein beantwortet wird, ist das für mich meistens ein Hinweis, genauer hinzuschauen – nicht automatisch ein Verbot. Es geht nicht darum, jede Chance auszuschlagen, sondern darum, die Kriterien vorher festzulegen, statt sie im Einzelfall neu zu erfinden. Genau das fehlt in vielen Unternehmen: nicht der Wille zur Positionierung, sondern ein klarer Maßstab, an dem sich ein Nein rechtfertigen lässt.
Wer heute mit mir über Positionierung spricht, bekommt von mir zuerst die Frage nach dem Nein, nicht nach dem Ja. Was ihr nicht mehr anbietet, wen ihr nicht mehr bedient, welchen Kanal ihr aufgebt – das sagt über eine Marke mehr aus als jedes Werteversprechen auf der Startseite.
In einem kurzen, unverbindlichen Gespräch schauen wir uns dein Thema konkret an.
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